Die deutsche Industrie verfügt über deutlich größere Flexibilitätspotenziale, als in der öffentlichen Debatte häufig sichtbar wird. Das zeigt die aktuelle Auswertung im Kopernikus-Projekt SynErgie. Demnach können industrielle Prozesse bereits heute in kurzen Abrufzeiten erhebliche Leistungen flexibilisieren – technisch, mit den derzeit verfügbaren Anlagen und unter Berücksichtigung bestehender Produktionsziele sowie Lieferverpflichtungen. Zugleich macht die Auswertung deutlich: Mit technischen Anpassungen und insbesondere bivalenten Technologien wächst dieses Potenzial nicht nur im Umfang, sondern auch in seiner zeitlichen Reichweite. Industrielle Flexibilität wird damit nicht nur für kurzfristige Systemreaktionen relevant, sondern perspektivisch auch für lang andauernde Knappheitsphasen.
Im kurzfristigen Bereich zeigen die aktuellen Erhebungen bereits heute Flexibilität im Gigawattmaßstab. Für kurze Abrufzeiten weist die Auswertung sowohl bei Lastreduktion als auch bei Lasterhöhung erhebliche Potenziale aus; bei einer Abrufdauer von fünf Minuten liegt die flexibilisierbare Leistung bei bis zu 4,6 Gigawatt Lastreduktion und bis zu 4,0 Gigawatt Lasterhöhung. Auch über das Jahr hinweg handelt es sich nicht um marginale Beiträge: Die jährliche flexibilisierbare Energiemenge beläuft sich auf bis zu 4,8 Terawattstunden bei Lastreduktion und 3,3 Terawattstunden bei Lasterhöhung.
Was das in der Praxis bedeutet, lässt sich an konkreten Anwendungen zeigen. So können beispielsweise energieintensive Prozesse in der Prozesswärme, bei der Dampferzeugung oder in thermischen Produktionsschritten zeitlich verschoben, gedrosselt oder bewusst hochgefahren werden – je nachdem, ob das Stromsystem gerade Entlastung oder zusätzliche Nachfrage benötigt. Auch Kälte-, Wärme- oder Querschnittssysteme in der Industrie können Flexibilität bereitstellen, ohne dass damit automatisch Produktionsausfälle verbunden sein müssen. Genau darin liegt die industrielle Relevanz: Flexibilität bedeutet nicht Stillstand, sondern die Fähigkeit, Prozesse systemdienlich und zugleich produktionsverträglich zu steuern.
Diese Zahlen markieren jedoch nur den bereits heute technisch verfügbaren Teil des Potenzials. Die SynErgie-Auswertung erfasst darüber hinaus auch Flexibilitätsperspektiven, die künftig durch technische Prozessänderungen und Investitionen erschlossen werden können. Dadurch steigt die flexibilisierbare Leistung weiter an. Besonders relevant sind dabei bivalente Technologien. Sie erweitern industrielle Flexibilität über kurzfristige Reaktionsfenster hinaus und eröffnen zusätzliche Spielräume für sehr lange Abrufdauern. Werden perspektivische Bivalenztechnologien einbezogen, steigt die gesamte flexibilisierbare Leistung je nach Betrachtung auf bis zu 14,2 Gigawatt Lastreduktion beziehungsweise 13,8 Gigawatt Lasterhöhung. Die identifizierte Bivalenzperspektive allein liegt bei 7,6 Gigawatt auf der Reduktionsseite und 8,7 Gigawatt auf der Erhöhungsseite.
Gerade darin sieht Prof. Alexander Sauer, Projektsprecher von SynErgie, einen zentralen Befund der neuen Auswertung:
„Die aktuellen Ergebnisse zeigen deutlich, dass industrielle Flexibilität weit mehr ist als ein theoretisches Konzept. Bereits heute lassen sich in kurzen Abrufzeiten erhebliche Leistungen bereitstellen. Gleichzeitig wird sichtbar, dass mit technischen Anpassungen und bivalenten Technologien zusätzliche Potenziale erschlossen werden können, die sowohl den Ausbau der Erneuerbaren langfristig begleiten können, als auch für länger andauernde Knappheitsphasen relevant werden. Wenn wir die Energiewende resilient gestalten wollen, müssen wir industrielle Flexibilität als zentralen Baustein des Energiesystems verstehen.“
Damit verschiebt sich auch der energiepolitische Blick auf industrielle Flexibilität. Während kurzfristige Potenziale insbesondere für schnelle Systemreaktionen und hohe Dynamik im Stromsystem relevant sind, gewinnen bivalente Technologien vor allem dort an Bedeutung, wo Flexibilität nicht nur für Minuten oder Stunden, sondern auch über sehr lange Zeiträume bereitgestellt werden muss. Das kann etwa dann relevant werden, wenn thermische Prozesse oder industrielle Wärmeversorgung zwischen Energieträgern wechseln können und so in Phasen knapper Stromerzeugung zusätzliche Spielräume schaffen. Industrielle Flexibilität wird damit zu mehr als einer kurzfristigen Reaktionsoption – sie wird zu einem Element systemischer Resilienz.
Wichtig ist dabei eine präzise Einordnung: Bivalenz ist nicht als Rückschritt zu verstehen, sondern als Transformationsoption. Wer bivalente Flexibilität allein als fossilen Rückgriff deutet, greift zu kurz. In einem Energiesystem, das künftig weitgehend auf erneuerbaren Energien basiert, aber zeitweise von Engpässen und Dunkelflauten geprägt sein kann, geht es nicht um die dauerhafte Rückkehr zu fossilen Strukturen, sondern um die Fähigkeit, industrielle Prozesse auch unter angespannten Systembedingungen flexibel, robust und perspektivisch treibhausgasarm zu betreiben. Bivalenz ist deshalb vor allem eine strategische Brücke: Sie erhöht kurz- und mittelfristig die Robustheit des Energiesystems und kann langfristig auch mit klimaneutralen Energieträgern wie Wasserstoff verbunden werden.
Für Dr.-Ing. Serafin von Roon ist genau dieser Punkt für die politische und industrielle Einordnung entscheidend:
„Die Daten machen deutlich, dass die Industrie nicht nur als Stromverbraucherin betrachtet werden darf, sondern als aktiver Systempartner. Kurzfristige Flexibilität hilft in dynamischen Situationen. Perspektivische Bivalenz eröffnet darüber hinaus zusätzliche Spielräume für lange Abrufdauern und damit auch für Phasen, in denen erneuerbare Erzeugung nur begrenzt verfügbar ist. Entscheidend ist nun, die ökonomischen und regulatorischen Rahmenbedingungen so weiterzuentwickeln, dass vorhandene technische Potenziale auch tatsächlich systemwirksam genutzt werden.“
Die aktuelle Auswertung macht damit zweierlei sichtbar. Erstens: Industrielle Flexibilität ist keine abstrakte Zukunftsidee, sondern bereits heute technisch in relevantem Umfang vorhanden. Zweitens: Das eigentliche Entwicklungspotenzial liegt in der weiteren Erschließung dieser Flexibilität – durch technische Anpassungen, Investitionen und geeignete Rahmenbedingungen. Nicht das Fehlen technischer Potenziale ist der Engpass, sondern ihre Aktivierung im Energiesystem. Genau hier trifft die Auswertung sowohl einen industriepolitischen als auch einen energiepolitischen Nerv: Für Unternehmen eröffnet Flexibilität neue Handlungsoptionen in einem dynamischeren Energiesystem. Für Politik und Regulierung stellt sich die Aufgabe, Markt- und Investitionsrahmen so auszugestalten, dass diese Potenziale auch tatsächlich erschlossen werden können.
Für die energiepolitische Diskussion ergibt sich daraus ein klarer Befund: Wer die Energiewende allein als Ausbauaufgabe auf der Angebotsseite versteht, greift zu kurz. Neben Erzeugung, Netzen und Speichern braucht ein erneuerbares Energiesystem auch eine systematisch erschlossene flexible Nachfrage. Die neuen SynErgie-Zahlen zeigen, dass die Industrie hierzu bereits heute einen relevanten Beitrag leisten kann – kurzfristig in kurzen Abrufzeiten und perspektivisch auch über lange Zeiträume hinweg. Industrielle Flexibilität ist damit kein Randthema der Transformation, sondern ein zentraler Hebel für Versorgungssicherheit, Systemstabilität und die Integration erneuerbarer Energien.