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Die BNetzA fördert Flexibilität der Netznutzung

Die BNetzA veröffentlicht neuen Beschluss hinsichtlich der Festlegung zur Anpassung und Ergänzung von Voraussetzungen für die Vereinbarung individueller Netzentgelte für den Netzzugang – und stellt die Aufhebung der von § 19 Abs. 2 S. 2 StromNEV ausgehenden Flexibilitätshemmnisse in Aussicht.

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Am 26. Juni 2024 veröffentlichte die Bundesnetzagentur (BNetzA) den Beschluss BK4-22-089A02, dessen Entwurf bereits Ende April zur Konsultation gestellt wurde. Die Regulierungsbehörde legt damit die zweite Anpassung und Ergänzung von Voraussetzungen für die Vereinbarung individueller Netzentgelte für den Netzzugang nach § 118 Abs. 46a EnWG vor. Mit der im Rahmen der Festlegung BK4-22-089 sowie des ersten Änderungsbeschlusses BK4-22-089A01 erlassenen Sonderregellungen werden – befristet bis 31.12.2025 – u. a. die Bandlastkriterien aufgeweicht, sodass Leistungserhöhungen oder -reduktionen in Zeiten besonders hoher und niedriger Preise am Day-Ahead Markt nicht mehr zwangsweise in die Berechnungssystematik individueller Netzentgelte einfließen. Als Referenzpreis wird dabei der Day-Ahead-Preis des vorangegangenen Werktags (bzw. samstags, sonntags oder feiertags) herangezogen.

Im nun vorlegten Beschluss BK4-22-089A02 führt die BNetzA erfreulicherweise zusätzliche Maßnahmen ein, die eine weitergehende Flexibilisierung der Netznutzung – wie von SynErgie bereits seit vielen Jahren gefordert – ermöglichen. So schafft die BNetzA u. a. erstmals entsprechende Rahmenbedingungen, die es Unternehmen zukünftig täglich ermöglichen sollen, nicht nur die Leistung in Zeiten besonders hoher Preise am Day-Ahead Markt zu reduzieren, sondern auch in Zeiten niedriger Börsenstrompreise die Leistung zu erhöhen – ohne dass sich dies negativ auf die Ermittlung der Jahresbenutzungsstunden auswirkt. Bislang waren nachzuholenden Leistungserhöhungen, die zur Erfüllung des Produktionsplans wichtig sind, nur in Zeiten besonders niedriger Preise am Day-Ahead Markt an Sonn- und Feiertagen möglich. Bereits in der Stellungnahme zum Konsultationsverfahren von Beschluss BK4-22-089A01 hat SynErgie darauf hingewiesen, dass nachzuholende Leistungserhöhungen für Unternehmen von zentraler Bedeutung sind, um die Erfüllung der Produktionspläne sicherzustellen. Andernfalls wären entsprechende Lastreduktionen in vielen Fällen oft nicht realisierbar. Um darüber hinaus einen möglichst umfassenden Flexibilitätseinsatz anzureizen und somit zu einer ökonomisch und ökologisch effizienteren Integration Erneuerbarer Energien beizutragen, hat sich SynErgie dafür ausgesprochen, nachzuholende Leistungserhöhung zur Erfüllung des Produktionsplans grundsätzlich und unabhängig von Sonn- und Feiertagen zu ermöglichen.

Aus Sicht von SynErgie sind die aktuellen Bemühungen der BNetzA im Hinblick auf das Ziel, eine verstärkte Flexibilisierung der Netznutzung zu fördern, grundsätzlich positiv zu bewerten. Wie jedoch in unserem Newsbeitrag sowie unserer Stellungnahme dargelegt, greifen die bisherigen Beschlüsse zu kurz, sind in ihrer Ausgestaltung zu kompliziert und wurden deshalb im Jahr 2023 von der Industrie kaum in Anspruch genommen. Gleichzeitig ignorieren die kurzfristigen Sonderregellungen den grundsätzlichen Novellierungsbedarf der Netzentgeltregulierung. Unsere Projektergebnisse und Publikationen, wie z. B. Bockhacker et al. (2024), Förster et al. (2024), Hanny et al. (2022) und Leinauer et al. (2022) weisen bereits seit Jahren darauf hin, dass die regulatorischen Rahmenbedingungen dringend weiterentwickelt werden müssen, um die bestehende Flexibilitätspotenziale der (energieintensiven) deutschen Industrie wirtschaftlich nutzbar zu machen.

Ein wesentliches Hemmnis stellt dabei die Berechnungssystematik für die Ermittlung individueller Netzentgelte gemäß § 19 Abs. 2 S. 2 StromNEV dar, die derzeit einen Anreiz für Ineffizienz und Inflexibilität setzt. Umso erfreulicher ist es deshalb, dass die BNetzA im Rahmen des aktuellen Beschlusses betont: „Die Hebung von Flexibilitätspotentialen auf der Lastenseite ist aus Sicht der Beschlusskammer energiewirtschaftlich von großer Bedeutung. Ungeachtet einer späteren Ausgestaltung der Netzentgeltsystematik nach Auslaufen des Ausgangsbescheids sollen Hemmnisse dieser Flexibilisierung, die sich aus der Erfüllung des Tatbestands von § 19 Abs. 2 S. 2 StromNEV ergeben, aufgehoben werden.“

Gerade im Hinblick auf den starken internationalen Wettbewerb, in dem sich die energieintensive deutsche Industrie befindet, ist es aus Sicht von SynErgie von zentraler Bedeutung, dass die Netzentgeltreduktion beim Abbau der Flexibilitätshemmnisse des § 19 Abs. 2 S. 2 StromNEV nicht ersatzlos gestrichen, sondern vielmehr zielgerichtet weiterentwickelt wird, um zukünftig den Einsatz industrieller Nachfrageflexibilität aktiv zu fördern.

Vor dem Hintergrund der von der BNetzA für das zweite Halbjahr 2024 angekündigten Überarbeitung der Methodenfestlegung für die Sonderformen der Netznutzung Strom ist deshalb zu hoffen, dass die Regulierungsbehörde die Erkenntnisse aus der Wissenschaft sowie die Erfahrungen der betrieblichen Praxis in die Regulierungsüberarbeitung einfließen lässt, um langfristig verlässliche, wirksame und vor allem anwendbare regulatorische Rahmenbedingungen zu schaffen. Nur so kann aus unserer Sicht die Energiewende gelingen und die Versorgungssicherheit sowie der Green Deal zugleich gewährleistet werden.

Gerne erklärt sich das Kopernikus-Projekt SynErgie dazu bereit, bei der zielgerichteten Weiterentwicklung von § 19 Abs. 2 S. 2 StromNEV engagiert mitzuwirken und mögliche regulatorische Änderungen gemeinsam mit Partnerunternehmen in der Energieflexiblen Modellregion Augsburg praxisnah zu erproben!